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Unser Islam?

Immer noch aktuell

Unser Islam?
Am 7.10.2010 nahm Ulrich Greiner in der Zeit Stellung zu der neu entbrannten Islam-Diskussion, die der Bundespräsident mit seiner Rede zum 3.Oktober neu entfacht hatte. Gehört der Islam zu Deutschland? Das ist bereits eine interpretationswürdige Frage. Ist wirklich „der“ Islam gemeint und was heisst „gehören“, in welchem Sinne? Als Essentielles, Prägendes in der Gegenwart oder in der Vergangenheit? Als etwas mit Jüdischem oder Christlichem vergleichbares?
Der Artikel nötigt zur Replik, nötigt zur Differenzierung, um die Diskussion nicht von vornherein in Bahnen zu missleiten, die mit den vor- und nachlaufenden Thesen Thilo Sarrazins oder Horst Seehofers nur angedeutet seien. Dabei geht es um weitaus mehr als um Integration von Menschen mit anderen kulturellen Hintergründen. Es geht um die Wahrnehmung des Islam als Religion und um die Wahrnehmung von verschiedenen Kulturen, in denen der Islam die vorherrschende Religion ist.
Dass man nicht pauschal von „dem“ Islam sprechen kann, zeigt in etwa das Beispiel Iraq oder auch Iran mit seinen zwei großen innerislamischen Gruppierungen von Sunniten und Schiiten. „Den“ Islam gibt es genausowenig wie „das“ Christentum mit seinen vielen Ausformungen in Orthodoxie, Protestantismus, Katholizismus und vielen kleineren Gruppierungen. Selbst der Protestantismus könnte unterschiedlicher nicht sein. Wer ein lutherisches oder reformiertes Kirchengebäude betritt bekommt einen sinnfälligen Eindruck dessen.
Was wir in Deutschland derzeit erleben ist eine Wahrnehmung „des“ Islam in vielen verschiedenen Facetten: Islam vermittelt durch die Medienberichte über islamistische (Terror-) Gruppen, Islam vermittelt durch die Auslandsberichterstattung über den nahen und mittleren Osten, Islam vermittelt durch Berichterstattungen über Zwangsehen, Ehrenmorde, Schließung von Moscheen, Hassprediger und Integrationsprobleme in Deutschland. Wer soll sich da noch auskennen? Welches ist das wirkliche Bild von „dem“ Islam, wenn es diesen denn überhaupt gibt?

Zugegeben, dem einfachen Bürger wird hier eine Menge zugemutet! Eine Menge an verschiedenen Bildern, eine Menge an Informationen und vor allem eine Aufgabe: Sich darüber zu informieren, was der Islam wirklich ist.

Aber zurück zu unserer Frage: Gehört der Islam zu Deutschland? Antwort: Nein.
Zu Deutschland gehören zweifelsfrei mehr als drei Millionen Menschen als Anhänger unterschiedlicher Ausprägungen der islamischen Religion. Sie gehören aber auch nicht in dem Sinne zu Deutschland, dass dies schon immer so gewesen sei, sondern als Phänomen der neuesten Geschichte. Muslims gehören zu Deutschland wie jeder Anhänger anderer Religionen auch.
Zu Deutschland gehört aber auch nicht die jüdische Religion. Deutschland ist seit der Christianisierung ein von christlicher Religion und deren jüdischer Wurzeln geprägtes Land. Es ist von jüdischer Religion und Kultur beeinflusst, in Kunst, Literatur, Wissenschaft und Sprache. Aber es macht eben einen Unterschied ob Deutschland von jüdischer Religion oder jüdischer Kultur geprägt sei. Sprachlich ist Deutschland ebenso von Französischem, Hebräischem oder Englischem beeinflusst. Gemeint ist damit nicht aber Religion, die nur ein Teil einer Kultur ist und nicht deren Ganzes. Zur deutschen Kultur gehört beispielsweise die viel belächelte Gemütlichkeit, die vielfachen Brotsorten, das Oktoberfest, Goethe und Schiller, Bach und Beethoven oder der Slogan „made in Germany“. Aber das alles hat nichts mit Religion zu tun, ist nicht selbst etwas Religiöses.
Zu Deutschland gehört seine durch und durch christliche Prägung und sodann viele andere kulturelle Einflüsse, die im Laufe der Geschichte zu einer „deutschen Kultur“ verschmolzen sind. Dazu zählt auch der Islam, insofern signifikant mehr Muslime als z.B. Buddhisten oder Hinduisten in Deutschland leben. Zu Deutschland gehört aber vor allem die Epoche der Reformation, der Gegenreformation, der Aufklärung und der Säkularisierung. Geistes- und kulturgeschichtlich höchst prägsame Zeiten, die in anderen Ländern, und auch in islamischen Ländern so oder überhaupt nicht stattgefunden haben.
Dies soll keine historische Bewertung darstellen, sondern anzeigen, dass das Denken über Religion und das Denken über das Verhältnis von Religion und Staat Deutschland in besonderer Weise geprägt und geformt hat. Die deutsche Gesellschaftsordnung ist eine rein politische, eine demokratische Ordnung, deren Werte und deren Ethik von christlicher Religion beeinflußt sind, aber sie ist nicht selbst religiös. Auch die Gewaltenteilung als Basis jeder Form von Demokratie hat keine religiösen Ursprünge. Diese sind eher in der griechischen Staatsphilosphie zu finden. Christlich ist allenfalls eine gewisse Distanz zur Obrigkeit, das Bewusstsein darüber, dass die Obrigkeit den Menschen zu dienen hat und nicht umgekehrt. So bereits in den Prophetenbüchern der Bibel bis hin zur Zwei-Reiche-Lehre Martin Luthers.
Deutschland tut sich schwer. Es tut sich schwer im Umgang mit den verschiedenen islamischen Kulturen, es tut sich schwer im Umgang mit religiösen Strömungen muslimischer Mitbürger. Nötig tut eine differenzierte Diskussion über den Islam als Religion mit seinen vielen verschiedenen Facetten und kulturell differenten, das heißt landesspezifischen Ausprägungen.
Und: nötig tut eine klare Sprache mit allen in Deutschland lebenden Menschen, die sich nicht an unsere demokratische Gesellschaftsordnung halten oder halten wollen – egal welcher Religion sie angehören. Das damit zusammenhängende Integrationsproblem ist definitiv keine Frage der Religion oder die Frage einer Religionszugehörigkeit, sondern eine Frage von Bildung, Erziehung und Sozialisation. Erziehung und Bildung nach demokratischem Muster kann nicht gelingen, wenn die dazugehörende Sozialisation nicht dazukommt, oder gar von dieser unterlaufen wird. Hier sind die Institutionen, Vereine, Bildungsträger, sind alle Bürger unseres Staates gefragt. Und: es sind Investitionen erforderlich in unsere Mitbürger, die hier leben wollen und die wir auch benötigen, Investitionen in Bildung und Sozialisationskurse. Es ist eine Grundsatzentscheidung unseres Staates, ob er diese zwingend notwendigen Investitionen erbringen will oder ob „Deutschland sich selbst abschafft“. Die Anzeichen sprechen für Letzteres!
(PD Dr. Thomas Podella)